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Heft 02  //  Kapitel 07

Seminarmodul II

Die Mentor_innen vertiefen das Thema Diskriminierung und erhalten Einblicke in die schulische Lebenswelt der Mentees.

Ziel des Moduls ist es das Lebensumfeld der Mentees (Werkschüler_innen) näher kennen zu lernen, um sie aktiv bei der Gestaltung der Berufswegeplanung zu unterstützen. Dazu zählen Kenntnisse über den Zugang zum Arbeitsmarkt und die bestehenden Möglichkeiten der jungen Menschen. Im Rahmen des Moduls werden insbesondere folgende Themenfelder und Fragestellungen erarbeitet bzw. ausgearbeitet:

  • Was ist Diskriminierung und was ist eine Antidiskriminierungskultur?
  • Gibt es eine strukturelle (institutionelle) Diskriminierung im „Bremischen Bildungssystem“?
  • Das Bremische Bildungssystem: Welche Möglichkeiten und Perspektiven haben Werkschüler_innen?
  • Aus der Sicht der Werkschule: Welche beruflichen Perspektiven werden für Werkschüler_innen angestrebt?

Im Rahmen des Seminars steht nicht die ausschließliche Wissensvermittlung im Vordergrund. Vielmehr werden die Teilnehmer_innen dazu angeregt, ihre Verhaltens- und Denkmuster zu reflektieren. Durch den Austausch in der Gruppe, in Einzelgesprächen und durch Erfahrungsberichte werden die Themenfelder gemeinsam erarbeitet. Das Lernen von- und miteinander ist eine wichtige Säule in diesem Prozess.

 

Überblick über den Seminarablauf

Was ist Diskriminierung und was ist eine Antidiskriminierungskultur?



Gibt es eine strukturelle (institutionelle) Diskriminierung im „Bremischen Bildungssystem“?


Das Bremische Bildungssystem: Welche Möglichkeiten und Perspektiven haben
Werkschüler_innen?

Aus der Sicht der Werkschule: Welche beruflichen Perspektiven werden für Werkschüler_innen angestrebt?

Aktives Arbeiten mit dem_r Mentee: Was erwartet den_die Mentee in einem Betrieb? Wie wird  mit Stresssituationen und Konflikten umgegangen?


Die Teilnehmer_innen arbeiten Ebenen und Formen von Diskriminierung mit Hilfe von Gruppenarbeiten und Berichten von selbst erlebten Diskriminierungserfahrungen heraus.

Mit den Teilnehmer_innen wird das „Bremische Bildungssystem“ diskutiert und entlang struktureller Diskriminierungsformen untersucht.

Welche schulischen Perspektiven ermöglicht der Besuch der Werkschule für die Jugendlichen?


Welche berufliche Perspektive ermöglicht der Besuch der Werkschule?
 

Gemeinsame Erarbeitung von möglichen Herausforderungen und Behebung von Störfaktoren.
 


Arbeitsblatt | Bildungsstand
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Seminarablauf

1. Begrüßung der Teilnehmer_innen

Die Seminarleitung stellt sich der Gruppe vor und gibt einen kurzen Überblick über die Seminarinhalte des Moduls.

Materialien: Flipchart, Stifte  
 

2. Was ist Diskriminierung und was ist eine Antidiskriminierungskultur?

(Quelle: http://ada-bremen.jimdo.com/diskriminierung/ letzter Abruf 13.11.2014)

Diskriminierung hat ganz verschiedene Gesichter – es ist daher hilfreich, folgende Unterscheidungen zu berücksichtigen:    

Diskriminierungen können in völlig unterschiedlichen Lebensbereichen auftreten – beispielsweise bei der Wohnungssuche, in der Diskothek, am Arbeitsplatz, im Zug oder bei der Behörde.

Es gibt unterschiedliche Gründe weshalb Menschen diskriminiert werden – insbesondere aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Religion, ihrer Herkunft, ihrer Sprache, ihres Aussehens, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung, ihres Alters oder ihres Aufenthaltsstatus.

Manchmal werden Menschen auch wegen mehrerer Gründe gleichzeitig diskriminiert – beispielsweise werden Frauen mit Kopftuch nicht nur wegen ihrer Religion diskriminiert, häufig spielt auch ihr migrantischer Hintergrund eine Rolle. In einem solchen Fall sprechen Beratungsstellen von Mehrfachdiskriminierung.

Diskriminierung findet nur in Ausnahmefällen explizit statt, beispielsweise wenn ein_e Arbeitgeber_in offen mitteilt, dass er_sie Gehörlose oder Frauen mit Kopftuch grundsätzlich nicht beschäftigen würde. Meistens ist es jedoch so, dass Diskriminierung versteckt bzw. subtil abläuft, was die Situation für die Betroffenen noch komplizierter macht.

Wenn es um die konkrete Diskriminierung geht, unterscheiden Beratungsstellen und Expert_innen normalerweise vier unterschiedliche Formen von Diskriminierung:

Personale bzw. individuelle Diskriminierung:
Hierzu gehören Beleidigungen, Belästigungen oder Schikanen - unabhängig davon, ob sie absichtsvoll erfolgen oder Resultat unbewusster Vorurteile sind: Ein Mitarbeiter spricht zum Beispiel über einen Kollegen im Rollstuhl ausschließlich als "der Rolli" und macht in dessen Gegenwart gezielt Witze und abfällige Bemerkungen über Menschen mit Behinderungen.

Direkte bzw. unmittelbare Diskriminierung:
Eine unmittelbare Diskriminierung liegt vor, wenn jemand in einer vergleichbaren Situation schlechter behandelt wird als andere Personen: Ein schwules Paar wird etwa bei der Wohnungssuche abgelehnt. Laut Wohnungsvermieterin könne dies den älteren Mietparteien nicht zugemutet werden.

Indirekte bzw. mittelbare Diskriminierung:
Von einer mittelbaren Diskriminierung wird gesprochen, wenn scheinbar neutrale Vorschriften für alle gelten, dabei aber bestimmte Personen Nachteile erleiden. Sie kann aus Unachtsamkeit resultieren, aber auch Ausdruck des Versuchs sein, eine gewollte Benachteiligung zu verschleiern: Heißt es beispielweise in einer Stellenanzeige für Putzkräfte, dass die Bewerber_innen über perfekte Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen müssten, werden Bewerber_innen mit einer anderen Muttersprache indirekt ausgeschlossen.

Institutionelle bzw. strukturelle Diskriminierung:
Institutionelle Diskriminierung bezieht sich auf gesellschaftliche Phänomene, die zwar diskriminierend sind, für deren Zustandekommen jedoch nicht diskriminierendes Verhalten einzelner Personen oder Unternehmen verantwortlich gemacht werden kann. Hierzu gehört zum Beispiel die geschlechtsspezifische Lohndiskriminierung, also der Umstand, dass Frauen in Westdeutschland durchschnittlich 23 Prozent weniger verdienen als Männer (Ostdeutschland: 10 Prozent). Oder die ebenfalls gut dokumentierte Tatsache, dass lediglich 29 Prozent der Jugendlichen mit Migrationshintergrund einen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten, während es bei Jugendlichen ohne Migrationshintergrund 40 Prozent sind. Institutionelle Diskriminierung ist ein ungemein komplexer Sachverhalt. Sie kommt durch das Zusammenspiel einer Vielzahl administrativer Handlungen, gesetzlicher Bestimmungen, tarifvertraglichen Entscheidungen und informellen Routinen zustande, welche ihrerseits von politischen Vorgaben und gesamtgesellschaftlichen Diskursen geprägt sind.

Ziel ist es, dass die Teilnehmer_innen das Themenfeld selbst erarbeiten, um sich mit den unterschiedlichen Dimensionen auseinandersetzen zu können. Nicht jede_r Teilnehmer_in wird in gleicher Weise mit Diskriminierung in Kontakt gekommen sein. Einige haben eventuell selbst Diskriminierungserfahrungen erlebt, selbst diskriminiert oder waren durch nahestehende Personen hiervon betroffen. Es besteht natürlich auch die Möglichkeit, dass sich Personen einer Diskriminierung nicht bewusst sind. Die Herangehensweisen zur Erarbeitung sind der Gruppe entsprechend anzupassen.

Material: Informationsblatt „Was ist Diskriminierung?“

Wo stehst du?
Im Raum werden zwei Plakate mit dem Satz „Stimme ich zu“ und „Stimme ich nicht zu“ angebracht (Stellwände). Die Seminarleitung stellt Thesen/Behauptungen auf oder stellt Fragen, die von jedem Mitglied durch das Positionieren zur jeweiligen Wand beantwortet werden. Der Raum zwischen den beiden Wänden ist als Antwort „Teils, Teils“ zu verstehen. Nach jeder Frage und Zuordnung sucht die Seminarleitung eine Person aus, die jeweils ihre Antwort kurz begründet. Während der Begründung ist es möglich den gewählten Platz  zu wechseln. Durch diese Übung sollen die Teilnehmer_innen zum Nachdenken angeregt werden.

Beispiele möglicher Behauptungen:

  • Diskriminierung hat mit mir nichts zu tun.
  • Menschen, die betteln, dürfen nicht in Einkaufsstraßen sitzen.
  • Menschen mit einer Behinderung, die Kinder wollen, sollten diese auch bekommen dürfen.
  • Männer und Jungen werden heute genauso diskriminiert wie Frauen und Mädchen.
  • Lehrkräfte können nicht die Herkunft der Schülerschaft im Unterricht berücksichtigen.
  • Die ökonomischen Verhältnisse sind ausschlaggebend für Diskriminierung.

Am Ende erfolgt eine Auswertung der Übung durch folgende Fragen:

  • Gab es Fragen, auf die ihr beim besten Willen keine Antwort geben konntet?
  • Warum haben einige während der Diskussion ihren Standort gewechselt?
  • Wie habt ihr die Meinungsverschiedenheiten oder auch -gleichheiten empfunden?

Dauer: 30 Minuten
Materialien: Flipchart, Stifte, Stellwände

Einzelarbeit:
Jede_r Teilnehmer_in reflektiert eine eigene Diskriminierungserfahrung bzw. eine von einem nahestehenden Menschen, sofern keine eigene gemacht wurde. Diese Übung hilft dabei, das Erlebte wachzurufen und zu reflektieren. Nach der Bearbeitung ist es jedem Mitglied der Gruppe freigestellt, ob sie_er ihr_sein Erlebnis den anderen mitteilen möchte. Jede_r Teilnehmer_in kann sich nach Bedarf an die Seminarleitung wenden, um sich über das Erlebte in einem persönlichen Gespräch auszutauschen.

Dauer: 15-20 Minuten
Material: Arbeitsblatt „Diskriminierungserfahrung“

Die Seminarleitung kann beide Methoden anwenden oder auch nur eine. Wichtig ist, dass den Teilnehmer_innen verdeutlicht wird, dass Sie sich in einem geschützten Raum befinden. In diesem Modul geht es um Vertrauen und darum, etwas von sich gegenüber anderen Preis zu geben.

Hier einige Aussagen junger Menschen, die selbst Diskriminierungen erfahren mussten (vgl. Liebscher, D. 2010):

  • Jugendlicher, 18 Jahre, freiwilliges soziales Jahr in einem Jugendzentrum:
    Mir passiert das eigentlich jeden Tag: Dass ich einfach nur so die Straße entlang rolle, und dann fragen die Leute, ob Sie helfen können. Oder vor kurzem an der Ampel: Da stehen zwei Frauen neben mir und die eine sagt zur andern ganz laut: So jung noch und schon so geschädigt. Ach Gott, die tun mir ja so leid. Soll ich in der Ecke rumsitzen und heulen? Die sollen sich doch lieber dafür einsetzen, dass alle Türen breit genug sind, damit mein Rollstuhl ohne Hilfe durch passt.

  • Studentin, in Deutschland geboren, 24 Jahre:
    Die Leute fragten mich immer, wo ich herkomme. Sie fragen mich wieder und wieder und wieder […] seitdem ich ein Kind bin: Wo kommst du her? Einfach so ! […] Sie schauen dich an, und das Erste, was ihnen einfällt, ist zu überprüfen: Wo kommt sie her? Egal, wo du bist: in der Schule, auf ner Party, beim Friseur oder beim Shoppen. Manche fragen auch: Wann gehst Du wieder zurück? Wenn ich sage, dass ich aus Leipzig komme, fragen sie weiter: Und wo kommst du nun eigentlich her? Irgendwie finde ich diese Frage sehr offensiv und auch rassistisch, weil sie wissen müssten, dass es Schwarze gibt, die Deutsche sind.

  • Jugendlicher, 17 Jahre alt, Mittelfeldspieler Bezirksliga Fußball:
    Seit zwei Mitspieler mich einfach geoutet haben, habe ich Stress im Verein. Für viele bin ich jetzt der „Schwuli“, die meinen das nicht mal böse. In der Dusche heißt es „Huch, ist das heute wieder warm hier …“, „Da geh ich doch mal besser mit dem Rücken an der Wand vorbei …“, „Lass jetzt bloß kein Stück Seife fallen …“ Und letztens schrie mich der Trainer vor versammelter Mannschaft an: „Jetzt zeig endlich, dass Du ein richtiger Mann bist und heul hier nicht rum wie ein Mädchen“. Ich werde jetzt auch weniger aufgestellt, obwohl ich nicht schlechter spiele als früher.
     

3. Gibt es eine strukturelle (institutionelle) Diskriminierung im „Bremischen Bildungssystem“?

Im Jahr 2009 wurde das Schulsystem im Lande Bremen umfangreich verändert. Gesamtschulen und Schulzentren wurden zu Oberschulen umgewandelt und ermöglichen das Erreichen aller möglichen Schulabschlüsse. Im Gegensatz zu den noch weiterhin existierenden Gymnasien wird hier der Zugang zum Abitur nach neun Bildungsjahren ermöglicht. An den Gymnasien ist dies nach acht Jahren der Fall. Neben den Oberschulen und Gymnasien gibt es die Werkschulen, die solchen Schüler_innen das Lernen erleichtern sollen, die mehr Zeit zum Lernen benötigen und die gerne praktisch arbeiten. Ein weiteres Ziel der neuen Schulreform ist die Inklusion – gemeinsamer Unterricht von Kindern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Um diesen Prozess voranzutreiben wurden die Förderzentren aufgelöst und Zentren für Unterstützende Pädagogik (ZuP) an den allgemeinen Schulzentren eingerichtet. Darüber hinaus wurden Regionale Beratungs- und Unterstützungszentren (ReBUZ) gegründet, die Hilfsangebote entwickeln, um Problemlagen zu überwinden und Schulen zu beraten.  

Häufig ist zu beobachten, dass insbesondere Schüler_innen mit Migrationshintergrund oder aus ökonomisch schwächeren Familien eine weniger erfolgreiche Schulbildung durchleben als ihre gleichaltrigen Mitschüler_innen ohne Migrationshintergrund.

Diese zwei Faktoren werden in vielen Studien zusammengelegt, da insbesondere Migrant_innen eine schlechtere soziale Lage haben als die Mehrheitsbevölkerung. Gründe hierfür liegen u.a. in der Schulbildung, der Nicht-Anerkennung der im Ausland erworbenen Abschlüsse oder dem Status nach dem Aufenthaltsbestimmungsrecht.

Berlin (31,0%), Hamburg (30,7%) und Bremen (27,9%) liegen weit über dem Bundesdurchschnitt (17,6%) bezüglich des Anteils von Schüler_innen mit Migrationshintergrund an der Gesamtschüler_innenzahl (Quelle: Bildungsbericht des Landes Bremen Bildung-Migration-soziale Lage, 2013). Dieser Trend zieht sich ebenfalls durch die einzelnen Schulformen. Innerhalb des Landes Bremen gibt es ebenfalls Unterschiede zwischen Bremen und Bremerhaven. Es gibt erhebliche strukturelle Unterschiede der beiden Städte, welche sich auf das Bildungssystem auswirken.

Besonders anzumerken ist, dass türkeistämmige Kinder den größten Anteil in der Schullandschaft ausmachen. Sowohl in Bremen (48,3%) als auch in Bremerhaven (45,9%) haben ca. die Hälfte der Schüler_innen mit Migrationshintergrund an öffentlichen Schulen einen türkischen Hintergrund (Quelle: Bildungsbericht des Landes Bremen Bildung-Migration-soziale Lage, 2013).  

Gesprächskreis:
In Form einer offenen Diskussion wird das Thema erarbeitet. Die Seminarleitung moderiert das Gespräch, in dem z.B. die eigenen gemachten Erfahrungen im Bildungssystem geteilt werden. Die Seminarleitung hat bei dieser Form der Themenerarbeitung ein besonderes Augenmerk darauf zu legen, dass es sich hier in der Regel um subjektive Wahrnehmungen handelt.

Dauer: 30-60 Minuten
 

4. Das Bremische Bildungssystem: Welche Möglichkeiten und Perspektiven haben Werkschüler_innen?

Die Zahl der Personen ohne bzw. mit geringem Schulabschluss liegt in der Bundesrepublik bei etwa 40% der Schulabgänger_innen (Statistisches Bundesamt 2014). Für die Jugendlichen ohne Schulabschluss ist die Aussicht auf dem ersten Arbeitsmarkt wenig erfolgreich,  oder sie finden lediglich einfache und schlecht bezahlte Jobs. 

Aus diesem Grund hat das Bremer Bildungsressort mit der Bildungsreform den Bildungsgang „Werkschule“ entwickelt, um die abschlussgefährdeten Schüler_innen aufzufangen und ihnen die Möglichkeit einzuräumen doch noch die Berufsbildungsreife zu erwerben.

Der Erwerb der einfachen oder erweiterten Berufsbildungsreife ist kein Garant für die Aufnahme einer Ausbildung. Die veränderten Rahmenbedingungen aus der Wirtschaft erschweren den Zugang zum Arbeitsmarkt für die Gruppe mit diesem Schulabschluss. Viele Betriebe haben ihre Stellenprofile neu bewertet und neue Anforderungen an die zu besetzenden Stellen festgeschrieben. Neben den formalen Qualifikationen wird zunehmend ein Fokus auf die sozialen Kompetenzen der Bewerber_innen gelegt. Es ist nicht mehr ausreichend pünktlich oder höflich zu sein. Eigeninitiative, Motivation, Teamfähigkeit und Belastbarkeit sind die wichtigen Eigenschaften, um in den engeren Kreis der potenziellen Stelleninhaber_innen zu gelangen.


Viele der Werkschüler_innen gehören laut dem Bericht „Die gesundheitliche Situation von Jugendlichen des Bildungsgangs Werkschule“ des Gesundheitsamtes Bremen zu einer Risikogruppe, die überdurchschnittlich häufiger an psychosomatischen Beschwerden und Ess-Störungen leiden. Diese Krankheitsbilder tragen dazu bei, dass sich die Schüler_innen insbesondere in Stresssituationen anders verhalten, als von der Gesellschaft für „normal“ befunden.


Material: Arbeitsblatt „Bildungsstand“
 

Gesprächskreis:
In Form einer offenen Diskussion wird das Thema erarbeitet. Die Seminarleitung moderiert und stellt gezielte Fragen, um darzulegen, ob denn die Zielgruppe besondere Bedarfe hat. Hier können bereits gemachte Erfahrungen aus dem Mentoring eingebracht werden.

Dauer: 30-60 Minuten
 

5. Aus der Sicht der Werkschule: Welche beruflichen Perspektiven werden für Werkschüler_innen angestrebt?

Die nachfolgende Beschreibung ist ein Ergebnis aus Gesprächen von Mitarbeiter_innen des COMMPASS-Projekts mit dem Lehrpersonal.

Die Zielgruppe der Werkschüler_innen erfordert ein Umdenken auf der Seite des Lehrpersonals. Der gängige Schulalltag findet wenig Anwendung und versetzt das Lehrpersonal in einen hohen Grad der Flexibilität. Die besonderen Bedarfe der Schüler_innen haben wenig gemeinsam mit denen aus der Oberschule beispielsweise. Im Gegensatz zu anderen gleichaltrigen Jugendlichen sind aufgestellte Regeln und Absprachen meist von kurzer Lebensdauer. Die Rahmenbedingungen, die die Werkschule diesen Schüler_innen bietet, sind nicht mit denen an den allgemeinbildenden Schulen zu vergleichen. Die Klassengröße ist bewusst klein gehalten, der Umgang zwischen Lehrpersonal und Schüler_innenschaft ist sehr eng und vertraut und die Vermittlung der Unterrichtsinhalte wird an die Gegebenheiten der Jugendlichen angepasst. Die vorliegenden Bedingungen erlauben keinen leichten Übergang in die Arbeitswelt, in der andere Strukturen und Prozesse vorherrschen. Dort wird und kann wenig auf individuelle Bedürfnisse eingegangen werden, was  leistungsschwache Personen schneller hinten herunterfallen lässt.

Die Schüler_innen der Werkschule müssen darauf, soweit dies möglich ist, vorbereitet werden. Ihnen müssen die notwendigen Kompetenzen vermitteln werden, in der Arbeitswelt zu bestehen und die Hürde Ausbildung zu überwinden. Die Aufnahme einer Ausbildung stellt nicht die größte Herausforderung dar. Diese ergibt sich erst durch den Besuch der Berufsschule und der Ableistung der Prüfungen. Hier zeigt sich, wer seine_ihre Perspektive mitgestalten möchte und kann.

Perspektivisch gibt der Ausbildungsmarkt Lehrstellen für Schüler_innen mit einfacher und erweiterter Berufsbildungsreife her. Jedoch werden diese häufig auch von jungen Menschen belegt, die einen mittleren Bildungsabschluss vorweisen können. Die Unternehmen stellen sich nicht der Herausforderung, die Jugendlichen auf ihrem Weg durch die Ausbildung zu begleiten. Es fehlt hier an Ressourcen und an dem Zugeständnis der Notwendigkeit einer Betreuung. Aus diesem Grund wird vielen eher ein direktes Arbeitsplatzangebot (prekäre Beschäftigung) angeboten oder die Abgänger_innen erhalten staatliche Transferleistungen zu 100%.

Das Hauptziel der Werkschule ist es, die Jugendlichen in eine Ausbildung zu bringen. Der Besuch der Schule ermöglicht bereits einen Einblick in die Arbeitswelt, da sie nach chwerpunkten verschiedener Berufsfelder ausgerichtet sind. Eine Vermittlung in ein Ausbildungsverhältnis kann leider nur begrenzt durch die Schule begleitet werden. An dieser Stelle ist die Schule auf weiterführende Angebote und außerschulische Unterstützung angewiesen.

Gesprächskreis:
Im Rahmen eines Gesprächs mit dem Lehrpersonal einer Werkschule wird das Thema den Teilnehmer_innen näher gebracht. Durch diese Art der Wissensvermittlung wird gleichzeitig Raum gegeben, die anderen Aspekte der beruflichen Orientierung mit einfließen zu lassen.

Dauer: 30-60 Minuten
 

6. Aktives Arbeiten mit den Mentees: Was erwartet den_die Mentee in einem Betrieb? Wie wird mit Stresssituationen und Konflikten umgegangen?

Die Jugendlichen werden zunehmend von Zukunftsängsten und Perspektivlosigkeit begleitet. Die Bertelsmann Stiftung hat eine Repräsentativumfrage zur Selbstwahrnehmung der Jugend in Deutschland im Jahr 2005 (vgl. Dr. Prager, J. 2005) herausgegeben, die junge Menschen im Alter von 14-20 Jahren befragt hat, wie sie ihre berufliche Zukunft sehen. Fast 42% der Befragten sehen ihre beruflichen Chancen eher zurückhaltend und 10% gar pessimistisch.

Diese negativen Einstellungen und Ängste wirken sich weniger positiv auf den Umgang der Jugendlichen mit ihrem Umfeld aus.

Bei der Frage „Wie kann ich als Mentor_in meine_n Mentee dabei unterstützen sich im Betrieb zu integrieren und Konflikte eigenständig zu lösen?“ ist es wichtig, dass der_dem Mentee aufgezeigt wird, dass das Berufsleben nach bestimmten Vorgaben gestaltet ist. Die Möglichkeiten der Entfaltung sind begrenzt, die Integration in ein bestehendes System stellt eine Herausforderung dar und bringt auch Situationen mit sich, die oft nicht  beeinflussbar sind. Bestimmte Anforderungen an das Berufsleben bringen Konflikte mit sich, die es zu lösen gilt. Im Rahmen einer Konfliktbewältigung kommt es nicht darauf an, den eigenen Standpunkt als den richtigen zu verkaufen. Es geht vielmehr darum aufzuzeigen, dass verschiedene Lösungswege vorhanden sind.

Viele der Jugendlichen haben keine Bezugsperson, mit der sie über ihre Gefühle und Gedanken sprechen können. Auch deshalb nehmen  Mentor_innen in Stresssituationen mehrere Positionen ein: zuhörende, Ratschlag gebende, informierende und reflektierende Person.

Gesprächskreis:
Die Teilnehmer_innen tauschen sich in einem offenen Gespräch über mögliche Hürden und Schwierigkeiten für die zukünftigen Auszubildenden im Ausbildungsbetrieb aus. Wie kann ein_e Mentor_in den_die Mentee in solchen Situationen unterstützen? An dieser Stelle erfolgt ebenfalls ein Erfahrungsaustausch über Geschehnisse, die möglicherweise während der ersten Treffen aufgetreten sind. Die Teilnehmer_innen sollen angeregt werden, sich gegenseitig zu unterstützen.

Dauer: 30-40 Minuten