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Heft 02  //  Kapitel 05.02

Ziel des Mentorings

Ausbildungsreife

Das Bildungssystem und die Arbeitswelt verlangt von den jungen Menschen eine Reihe von Handlungen ab, die sie kaum erbringen können. Resultat dieser Erwartungen und Herausforderungen sind unzufriedene, unmotivierte und hoffnungslose junge Menschen, die den Anforderungen, die an sie gestellt werden, nicht gewachsen sind. Diese Umstände können dazu führen, dass die Jugendlichen die Schule ohne einen Schulabschluss verlassen oder keinen geeigneten Ausbildungsplatz in Aussicht haben. Im Jahr 2012 waren es ca. 22.000 Jugendliche, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben. Ihnen wird hierfür die Verantwortung übertragen, obwohl sie für diese Situation nicht alleine oder gar nicht verantwortlich sind. Zudem wird ihnen gar die Ausbildungsreife abgesprochen (vgl. DGB Jugend 2013). Dieses Schlagwort fällt immer häufiger im Zusammenhang mit der Jugendarbeitslosigkeit. Aber was ist unter einer Ausbildungsreife bzw. einer nicht vorhandenen Ausbildungsreife zu verstehen? Gibt es Kriterien, die allgemeingültig sind? Kann man die Ausbildungsreife messen? Sind es wohlmöglich die Betriebe, die  nicht ausbildungsreif sind und wer ist dafür verantwortlich, dass der_die Schüler_in ausbildungsreif wird?

Der Nationale Pakt für Ausbildung und Fachkräftenachwuchs in Deutschland hat sich mit der Frage „Was ist Ausbildungsreife?“ auseinandergesetzt. Hierzu wurde eine Expertenrunde eingesetzt, die eine Definition sowie die Kriterien und Merkmale der Ausbildungsreife erarbeitet hat.

Nach dieser Definition handelt es sich bei der Ausbildungsreife um eine allgemeine Voraussetzung, die Jugendliche befähigt, eine Berufsausbildung aufzunehmen und erfolgreich zu beenden. Das Konzept der Ausbildungsreife setzt sich, so die Expertengruppe, aus den folgenden fünf Merkmalsbereichen zusammen:

  1. Schulische Basiskenntnisse (z.B. Rechtschreibung, mathematische Grundkenntnisse)
  2. Psychologische Leistungsmerkmale (z.B. Sprachbeherrschung, Befähigung zur Daueraufmerksamkeit)
  3. Physische Merkmale (altersgerechter Entwicklungsstand und gesundheitliche Voraussetzungen)
  4. Psychologische Merkmale des Arbeitsverhaltens und der Persönlichkeit (z.B. Zuverlässigkeit, Kritikfähigkeit)
  5. Berufswahlreife (Selbsteinschätzungs- und Informationskompetenz)


Bei diesen Merkmalen handelt es sich ausschließlich um grundlegende Fertigkeiten und Fähigkeiten, die berufsunspezifisch sind. Das bedeutet, dass eine ausbildungsreife Person zu Beginn einer Berufsausbildung diese Merkmale aufweist und zwar ganz gleich, in welchem Beruf sie ausgebildet wird.

Das Konzept der Ausbildungsreife berücksichtigt zudem künftige Lern- und Entwicklungsprozesse einer Person: Ist eine Person zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht ausbildungsreif, kann die Reife z.B. durch die Teilnahme an berufsvorbereitenden Maßnahmen zu einem späteren Zeitpunkt hergestellt werden.

Ist eine Person ausbildungsreif, gilt als nächstes zu klären, für welchen Beruf sie geeignet ist. Im Hinblick auf die Berufseignung werden zwei Dinge berücksichtigt: Zum einen muss die Person die Anforderungen des Berufs erfüllen, damit sie die geforderte Leistungshöhe erbringen kann. Zum anderen muss der Beruf die Merkmale aufweisen, die die Voraussetzung für die berufliche Zufriedenheit der Person sind. Das Konstrukt der Berufseignung bezieht sich also immer auf bestimmte Berufe oder Berufsgruppen und ist damit berufsspezifisch. Das bedeutet, dass eine Person durchaus ausbildungsreif sein kann, auch wenn sie für einen bestimmten Beruf nicht geeignet ist.

„Neben den Konzepten Ausbildungsreife und Berufseignung führt die Expertengruppe "Ausbildungsreife" den Begriff Vermittelbarkeit ein. Denn um eine Lehrstelle zu erhalten, müssen neben der Ausbildungsreife und der Berufseignung spezifische Bedingungen der Vermittelbarkeit gegeben sein: Diese werden auf der Ausbildungsplatzangebotsseite z.B. über spezielle betriebliche Einstellungskriterien oder über die regionale Marktsituation. Auf der Nachfrageseite spielen Aspekte eine Rolle wie z.B. das Erscheinungsbild des Jugendlichen und sein Auftreten, aber auch Mobilitätshemmnisse (schlechte Verkehrsanbindung des Wohnortes).“(BIPP 2014)

Die weiterführende Frage ist, wer für die Vermittlung der Ausbildungsreife verantwortlich ist. In wie weit steht hier das Bildungssystem in der Verantwortung? Die Schulen haben unter anderem den Auftrag, den Schüler_innen die grundlegenden Fähigkeiten wie Lesen, Schreiben und Rechnen zu vermitteln. Angesichts der Umstände, dass eine Vielzahl von Schüler_innen diese Grundanforderungen nur ausreichend beherrschen (vgl. PISA Studien), wird deutlich, dass das Bildungssystem alleine nicht ausreicht, die Berufsperspektive der zukünftigen Absolvent_innen sicherzustellen. Diese Grundkompetenzen sind unabdingbar für die Erlangung weiterer Kompetenzen - Hinzu kommt, dass die Sozialkompetenz neben der allgemeinen Wissensbildung defizitär ist. Ausreichende Sprachkenntnisse, mathematische Kenntnisse und soziale und personale Kompetenzen sind unabdingbar für die Aufnahme einer dualen Ausbildung (vgl. Klein 2013).