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Heft 01  //  Kapitel 06.01

Rahmenbedingungen

In diesem Kapitel werden hilfreiche und notwendige Bedingungen für eine gelingende Bildungsarbeit mit sog. benachteiligten Jugendlichen dargestellt, wobei die angeführten Punkte nicht nur für die Arbeit mit der Zielgruppe Werkschüler_inen hilfreich sind, sondern generell für die Bildungsarbeit mit Jugendlichen ihre Gültigkeit besitzen.

Häufig verknüpfen die Schüler_innen mit der Institution Schule und dem dort praktiziertem Lernverständnis negative Erfahrungen: keine oder wenig Erfolgserlebnisse, Stigmatisierung, Diskriminierung, Frust, Druck, Strafen, Verfestigung eines negativen Selbstbildes etc. Wie müssen der Umgang miteinander, das gemeinsame Erleben und der Lernort gestaltet sein, um die Zielgruppe zu erreichen und mit- und voneinander zu lernen? Was heißt das konkret für die Seminararbeit im Rahmen von COMMPASS?
 

Gestaltung der Seminare

Ein erster wichtiger Punkt ist, die Veranstaltungen an außerschulischen Lernorten durchzuführen, um den Teilnehmer_innen einen Raum zu bieten, in dem sie leichter ihre üblichen Rollen und Muster, die sie in der Schule einnehmen und ausüben, ablegen oder überwinden können. Der neue Lernort ist noch nicht mit Erfahrungen besetzt und bietet somit mehr potentielle Erlebnisfläche.

Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Methodenvielfalt, die unabdingbar für die Seminargestaltung ist, um nicht nur für die nötige Abwechslung zu sorgen und die Wahlmöglichkeiten für die Schüler_innen zu erhöhen. Viele Jugendliche haben wenig Lust auf die in Schule eingesetzten „klassischen“ kognitiven Methoden wie Schreibarbeiten oder Vorträge und schätzen es, wenn ein Mix aus erlebnispädagogischen, theaterpädagogischen, kooperativen und spielerischen Angeboten zum Einsatz kommen.

Seit Jahren gilt es in der politischen Bildungsarbeit als unerlässlich, sich in der inhaltlichen Gestaltung an den Interessen und Bedürfnissen der Teilnehmer_innen zu orientieren (Teilnehmer_innenorientierung und Partizipation) und die Gruppenprozesse und -dynamiken im Seminar vor die geplanten Inhalte zu stellen (Prozessorientierung). Wenn die Jugendlichen in die inhaltliche Planung und Durchführung von Seminaren einbezogen werden – z.B. durch stattfindende Schulbesuche vor der Veranstaltung, regelmäßige Feedbackrunden im Seminar und ernst nehmen der Meinungen und Wünsche und die nötige Flexibilität in der Seminargestaltung – fördert das die Motivation der Teilnehmer_innen und gleichzeitig das Bewusstsein für ihre Mitverantwortlichkeit.

Die Erfahrungen in COMMPASS zeigen: Je mehr an die Erfahrungen der Schüler_innen angeknüpft und deren Lebenswelt und aktuelle Interessen den Ausgangspunkt für die inhaltliche Gestaltung des Seminars bildet, umso größer ist die Beteiligung, die Aufmerksamkeit und der Spaß.

Als sehr hilfreich hat sich erwiesen, die Klassen in Kleingruppen (bis max. acht Schüler_innen) zu unterteilen und getrennt zu arbeiten, um die Konzentrationsfähigkeit und Beteiligung des_r Einzelnen zu erhöhen. Auch der Teamer_innen-Schlüssel wurde im Laufe des Projekts erhöht, so dass ab zwölf Jugendlichen ein_e dritte_r Teamer_in dazukommt. Das ermöglicht noch mehr Flexibilität in der Seminargestaltung und ein leichteres Eingehen auf die Bedürfnisse einzelner Teilnehmer_innen.
 

Kompetenzen der Teamer_innen

Die Teamer_innen des COMMPASS-Projekts sind qualifizierte Referent_innen, die meist über langjährige Erfahrung in der Bildungsarbeit mit Jugendlichen verfügen. Für die Arbeit mit Werkschüler_innen (wie auch Jugendlichen generell) ist eine offene und akzeptierende Haltung unabdingbar, um das notwendige Vertrauen für die gemeinsam zu gestaltenden Lernprozesse aufzubauen. Die Teamer_innen reflektieren ihren eigenen Umgang mit Heterogenität, d.h. sie haben ein Bewusstsein dafür, dass unterschiedliche kulturelle, soziale, geschlechtliche, religiöse etc. Hintergründe in den Gruppen vorherrschen.
Eine empathische Grundhaltung, mit deren Hilfe die Meinungen und Aussagen der Schüler_innen und ihr Verhalten in erster Linie offen und ernst aufgenommen wird, hilft beim Vertrauensaufbau und fördert den respektvollen Umgang miteinander. Es ist nicht immer einfach unterschiedliche Meinungen stehen lassen zu können, wenn es zuallererst darum geht als Teilnehmer_in gesehen und gehört zu werden.

Weiter wichtig für die Arbeit mit sog. benachteiligten Jugendlichen ist es, eine für sie verständliche Sprache zu sprechen, so dass die Teilnehmer_innen erreicht werden. Z.B. gilt es Fremdwörter und Fachausdrücke weitestgehend zu vermeiden.

Wie oben bereits erwähnt ist es für die heutige Bildungsarbeit grundlegend, prozessorientiert und partizipativ zu arbeiten, was bei den Teamer_innen eine hohe Flexibilität, ein gewisses methodisches Repertoire und ein Gespür für Gruppen und ihre Dynamiken voraussetzt.
 

Kooperation mit Schule

In COMMPASS wird prinzipiell ohne die Anwesenheit von Lehrkräften während der Seminarzeiten gearbeitet (Grund dafür ist der Versuch, die in Schule verfestigten Rollenverständnisse aufzuweichen), gleichwohl die Lehrkräfte ein verständliches Interesse daran haben, an den Erfahrungsprozessen ihrer Schüler_innen teilzuhaben. Deshalb ist es wichtig, die Lehrkräfte durch Vor- und Auswertungsgespräche mit in den Planungs- und Durchführungsprozess sowie die Evaluation einzubeziehen. Bei detaillierten Absprachen zwischen Team und Lehrkräften (Zeiten und die Rollen der Erwachsenen klären!) ist auch eine partielle Anwesenheit im Seminar möglich. Die Erfahrung zeigt, dass der Erfolg eines Seminars mitunter von dem Engagement der Lehrkräfte abhängt, da sich deren Haltung auf die der Schüler_innen auswirken kann.