gefördert durch:






Heft 01  //  Kapitel 05

Wie Werkschule erlebt wird

Jugendliche erzählen

Autorin: Kristina Kühn

In Kürze: Was ist die Werkschule Bremen?

Bei der Werkschule Bremen handelt es sich um einen Bildungsgang, der geschaffen wurde, um sog. benachteiligten Jugendlichen den Übergang von der Schule in eine Berufsausbildung zu erleichtern. Das Konzept basiert auf der Prämisse, dass die angesprochenen Jugendlichen über praktische Zugänge leichter lernen können und somit die Lust am Lernen wiederentdeckt wird (vgl. Gessler/Kühn 2013). Auch soll einer grundsätzlichen Abneigung gegen die Institution Schule entgegengewirkt werden, die sich bei vielen Jugendlichen ausgebildet hat, was bei einigen bis zum Schulabsentismus führen kann.

Der Unterricht in der Werkschule ist zu großen Teilen in Projektform organisiert. Auf diese Weise können verschiedene Aspekte didaktisch umgesetzt werden: (1) fächerübergreifender Unterricht, (2) teamorientierter Unterricht und der damit verbundene Erwerb sozialer Kompetenz sowie (3) Umsetzung des praktischen Anspruchs der Werkschule in dafür vorgesehenen Praxisräumen, wie z.B. Küchen oder Werkstätten (vgl. Die berufsbildenden Schulen im Land Bremen, 2013).

Die Werkschulstandorte verfügen, je nach Berufsbildungszentrum, an das sie angegliedert sind, über verschiedene berufliche Schwerpunkte. Neben der inhaltlichen Passung von Angebot und Interesse des Schülers oder der Schülerin wird das Ziel verfolgt, eine möglichst wohnortsnahe Schulausbildung anzubieten. Aus diesem Grund existieren zu den meisten beruflichen Arbeitsfeldern mehrere Werkschulstandorte.
 

Erreicht das Konzept die Zielgruppe?

Im Jahre 2012 ging der Schulversuch der Werkschule Bremen in den Regelschulbetrieb des Bremischen Schulsystems über. Eine Verstetigung hing jedoch nicht zuletzt vom Erfolg der Werkschule ab. Dieser richtet sich einerseits nach der Anzahl erfolgreicher Absolventen. Andererseits ergeben sich aus der Zielgruppe der Werkschule besondere Anforderungen, die vom Werkschulkonzept erfüllt werden sollten, um in diesem Zusammenhang wirklich von Erfolg sprechen zu können. Hierzu zählen nicht zuletzt das Erreichen einer psychosozialen Stabilisierung der Schüler_innen sowie die Entwicklung von (berufs-)biografischen Konzepten. Voraussetzung dafür, dass erfolgreich mit dem Werkschulkonzept gearbeitet werden kann ist vor allem, dass die Zielgruppe sich von diesem angesprochen fühlt. In der an das Werkschulprojekt gebundenen Abschlussevaluation des Werkschulkonzepts im Jahre 2012, durchgeführt vom Institut Technik und Bildung (ITB) der Universität Bremen im Rahmen der wissenschaftlichen Begleitung der Einführung der Werkschule in Bremen, nahmen knapp 50% (n=194) aller Werkschüler_innen teil (vgl. Gessler/Kühn 2013, Gessler/Kühn 2014). Die erste Fragestellung an die Teilnehmenden erfolgte offen:

„Stellen Sie sich vor, Sie sprechen mit Ihren Freunden über die Werkschule. Was macht den Unterschied zwischen Ihrer alten und Ihrer neuen Schule aus?“

Alle Interviews wurden in einem aufwändigen Verfahren dokumentiert und ausgewertet. Es ergab sich folgendes Bild:

Tabelle 1: Von Werkschüler_innen wahrgenommene Unterschiede zwischen der abgebenden Schule und der Werkschule (Quelle: eigene Darstellung)

Kategorie

Beispiele

Anzahl
der Nennungen


Wahrnehmung …

01



02



03



04



05



06



07



08



09

des Verhältnisses von Theorie
und Praxis in der Werkschule


während des Unterrichts


der Lehrpersonen


der Unterrichtsorganisation


der Räumlichkeiten


des Umfangs eines Schultages


des Schulklimas


der Effekte der Werkschule
auf  Schulerfolg

des individuellen sozialen Umfelds

Mehr Praxis
Weniger Theorie

Unterricht ist einfacher
Macht mehr Spaß

Lehrer hilfsbereiter
Lehrer interessieren sich für Schüler_innen

Hauptfächer gleich
Unterricht eher praxisbezogen

Viel draußen arbeiten
In Werkstatt arbeiten

Nicht so lange Unterricht
Längerer Unterricht

Umgang zwischen Schüler_innen besser
Schule lockerer

Bessere Noten
Lerne mehr als an anderer Schule

Neue Freunde gefunden
Alte Freunde sind auch da

123


73


48


45


29


16


16


15


2


Es zeigt sich, dass hauptsächlich drei Unterschiede genannt werden: (1) an der Werkschule findet mehr Praxis statt unter Nutzung entsprechender Räumlichkeiten, (2) der Unterricht an der Werkschule unterscheidet sich teilweise inhaltlich, aber vor allem gefühlt von dem an der abgebenden Schule und (3) es ist insbesondere die Wahrnehmung der Lehrpersonen, die den Unterschied ausmacht. Der erste Unterschied stellt eine wertneutrale Wahrnehmung dar: Inhalte und Organisation des Unterrichts unterscheiden sich von jenen der abgebenden Schule. Dieser Unterschied ist dem Großteil aller Teilnehmenden bekannt. Hinsichtlich des Konzepts kann also gesagt werden, dass die Aufteilung der Wochenstunden in zwei Drittel Praxis und ein Drittel Theorie wahrgenommen wird. Doch schon beim zweiten genannten Unterschied wird deutlich, dass es auch Unterschiede gibt, die auf persönlicher Ebene der Befragten wahrgenommen werden. So wird z.B. 73 Mal genannt, dass der Unterricht einfacher sei oder mehr Spaß mache. Hier lässt sich, im Gegensatz zum vorigen Unterschied, eine positive Wertung feststellen. Ähnlich verhält es sich mit dem dritten, am meisten genannten Unterschied: die Lehrkräfte werden als netter und freundlicher empfunden, kämen mehr auf die Schüler_innen zu, würden mehr erklären und sich für die Jugendlichen interessieren. Auch hier wird positiv gewertet.

Die dargestellte Tabelle liefert nur einen Auszug der genannten Beispiele und es gab auch kritische Punkte. In der Gesamtanzahl waren diese aber eher sehr gering vertreten (insgesamt 25 Nennungen), welche sich den folgenden Kategorien zuordnen ließen: (1) Erleben des Schulalltags (lauter, Lehrer greifen nicht richtig durch), (2) wahrgenommener Anspruch des Unterrichts (zu einfach, früher mehr gelernt), (3) Passung von Interesse des_der Werkschülers_in und Fachrichtung der Werkschule (Inhalt passt nicht, mag keine Werkstatt) sowie (4) soziale Faktoren (Vorurteile von anderen, früher mehr Freunde).

An dieser Stelle soll festgehalten werden, dass sich, neben konzeptionellen Tatsachen, vor allem das individuelle Erleben an der Werkschule von dem an der abgebenden Schule qualitativ unterscheidet. Insgesamt erreicht das Konzept die Jugendlichen nicht nur, es wird sogar sehr positiv angenommen. Unter diesen Umständen drängt sich die Frage auf, unter welchen Umständen Schüler_innen sich dafür entscheiden, eine Werkschule zu besuchen. Was sind die Auslöser für einen Schulwechsel? Wer ist der Motor dabei? Was bringt den Jugendlichen der Besuch der Werkschule?

Erfahrungsberichte: Werkschüler_innen erzählen von ihrem Schulwechsel

Um den oben aufgeworfenen Fragen nachzugehen eignete sich weniger ein Fragebogen, wie er in der o.g. Vollerhebung verwendet wurde. Vielmehr erschien es sinnvoll, einzelne Schüler und Schülerinnen nach ihrem Erleben etwas ausführlicher und dynamischer zu befragen, als ein hochstandardisiertes Instrument es zulassen würde. Erschwerend kam hinzu, dass es kein idealtypischen Bild eines Werkschülers oder einer Werkschülerin gibt: Was zeichnet eigentlich einen Werkschüler oder eine Werkschülerin aus? Die Antwort hierauf ist vielmehr so vielfältig, wie es Werkschüler_innen an Werkschulen gibt. Diese Heterogenität zeigt sich auf vielen verschiedenen Ebenen im Schulalltag. Die Entscheidung fiel daher auf kurze, leitfragengestützte Interviews als methodische Herangehensweise an die Aufgabe, die erlebten Schulwechsel verschiedener Jugendlicher zu erfassen. Insgesamt wurden fünf Schüler_innen an drei Werkschulstandorten zufällig ausgewählt und befragt. Die Befragung erfolgte freiwillig.


„Die Lehrer waren wegen der Leistungen dann auch nicht mehr so gut gelaunt,
das hat einen kaputt gemacht.“


Den Kern der Interviews stellen folgende Fragen dar: (1) Welche Ereignisse gingen dem Schulwechsel der Schüler_innen voran? (2) Wie erlebten die Jugendlichen den Schulwechsel? (3) Welche Perspektive sehen sie für sich?

Violeta (15) geht in die 9. Klasse an einer Werkschule (10 km Schulweg). Sie stammt aus Montenegro und hat drei kleine Geschwister. Sie spricht deutsch und serbisch, in ihrer Freizeit spielt sie am liebsten Tennis und trifft sich mit Freunden


"Der Schulwechsel war eine Erleichterung für mich,
weil ich hier eine Chance habe, einen Abschluss zu kriegen.“


Auf die Frage hin wie es dazu kam, dass sie an eine Werkschule gewechselt ist, sagt sie, dass sie viele Probleme an ihrer alten Schule hatte. „Egal, wie viel ich gelernt habe“, sagt sie, „meine Noten wurden immer schlimmer.“ Ihre schlechten Noten sieht sie nicht ausschließlich als Ergebnis ihrer eigenen Unlust, sondern auch im Lehrerhandeln begründet: „Mit meiner Mathelehrerin habe ich mich gar nicht gut verstanden. Auch, wenn ich gut war und alles fertig hatte, habe ich trotzdem noch immer eine schlechte Note bekommen.“ Es klingt viel Frust mit, als sie dies erzählt. Dabei macht sie das schlechte Verhältnis zu ihren früheren Lehrern nicht auf persönlicher Ebene fest, sondern schiebt es auf die schlechte schulische Leistung. Wie sie auf die Idee kam, an eine Werkschule zu wechseln, weiß sie noch: „Mir wurde das von meiner Klassenlehrerin vorgeschlagen. Ich hatte viele Fehlzeiten gehabt, weil ich keine Lust mehr hatte, zur Schule zu gehen. Da kam halt eine Lehrerin auf mich zu und meinte, wie es mit einer Werkschule für mich wäre. Da habe ich überlegt, ob es gut wäre und mich dann beworben.“ Informiert habe sich zuerst jedoch die Lehrerin, die den Vorschlag gemacht habe, erklärt Violeta. Diese habe sie dann auch zum Hospitationstermin begleitet. Den Fachbereich habe sich Violeta aber selbst ausgesucht und auch die Bewerbung habe sie selbst geschrieben.


„Die Werkschule gibt mir Kraft.“


Am meisten vermisst Violeta ihre besten Freundinnen von der alten Schule. Diese seien aber auch auf andere Werkschulen gewechselt, erzählt sie. Ansonsten sei ihr der Schulwechsel aber nicht besonders schwer gefallen. „Es war eine Erleichterung für mich, weil ich hier eine Chance habe, einen Abschluss zu bekommen.“ Ändern würde sie an ihrer Werkschule nichts. „Wenn ich mit einem Abschluss aus dieser Schule rauskomme, dann kann ich stolz sagen, ich habe einen Abschluss.“ Und selbst, wenn sie keinen Abschluss schaffen würde, habe die Werkschule einen ganz wichtigen Vorteil für die Fünfzehnjährige: „Die Werkschule gibt mir Kraft. Sie unterstützt mich, damit ich mir keine Sorgen machen muss, ob ich die Schule ohne Abschluss verlassen muss. Das finde ich gut.“ Ihr Lebensziel ist es, eine gute Arbeit und Erfolg im Leben zu haben. Das bedeute für sie, eine Ausbildung und eine Arbeit zu haben sowie das Wissen, später für ihre Familie sorgen zu können.


„Der Schulwechsel war nicht schlimm,
ich bin mit jedem gut klargekommen.“


Samira (14) geht auch in die 9. Klasse einer Werkschule (12 km Schulweg). Ihre Eltern stammen aus Syrien, sie selbst ist in Deutschland geboren, genauso wie ihre drei Geschwister. Sie spricht fließend kurdisch und auch auf Arabisch kann sie sich verständigen. Sie liebt es, kurdische Folklore zu tanzen und Zeit mit ihren Freundinnen zu verbringen.

„Auf meiner anderen Schule hatte ich viele Fehltage, weil ich keinen Bock mehr auf die Schule hatte“, beginnt Samira zu erzählen, als sie nach dem Grund für ihren Schulwechsel gefragt wird. „Das war voll schwer für mich!“ ergänzt sie und meint damit den Unterricht. Mit den Lehrern habe sie sich gar nicht verstanden. „Die waren wegen der Leistungen dann auch nicht mehr so gut gelaunt, das hat einen kaputt gemacht.“ Ein persönliches Problem hätte es mit den Lehrkräften für Samira eigentlich nie gegeben, berichtet sie. Vielmehr sehe sie den Grund für die Streitereien und erlebte Ablehnung in ihren unzureichenden Lernleistungen.


„Ich will auf jeden Fall einen Job,
damit ich für mich und meine Familie sorgen kann.“


Ihre Klassenlehrerin habe ihr irgendwann vorgeschlagen, auf eine Werkschule zu wechseln, einen konkreten Auslöser für den Schulwechsel gab es dabei nicht. Die Klassenlehrerin war auch diejenige, die Samira bei ihrem Hospitationstermin begleitete. Alternativen kamen für die Vierzehnjährige nicht in Frage: „Ich wäre nirgendwo anders hingegangen. Das hier ist die einzige Schule, die mit Pflege zu tun hat und ich wollte in dem Bereich bleiben.“ Sie erzählt, dass ihre ältere Schwester auch auf dieser Werkschule war und dort sehr gute Erfahrungen gemacht habe.

Ein wenig traurig erzählt sie von der Zeit vor dem Schulwechsel: „Auf meiner alten Schule war das so, dass wir jeden kannten und zusammen reden konnten. Aber jetzt, an meiner neuen Schule, kenne ich, bis auf zwei Mädchen, noch niemanden.“ Davon möchte sie sich aber nicht beirren lassen und sagt: „Aber ist nicht so schlimm, ich komme schon durch.“ Vor dem Schulwechsel selbst habe sie sich schon ein bisschen gefürchtet. Sie sei unsicher gewesen, wie sie sich an der neuen Schule wohl benehmen solle und wie die Leute dort wohl seien: „Auf meiner alten Schule waren alle schon freundlich“, wie würde es auf der neuen Schule sein? Rückblickend hat sich dieser Schritt aber für Samira gelohnt und sie würde sich definitiv noch einmal so entscheiden. Am besten findet sie an ihrer Werkschule den hohen Praxisanteil. Außerdem findet sie, dass sie an ihrer neuen Schule bessere Chancen habe, einen Abschluss zu erreichen. Diesen hält sie für notwendig, denn „ich will auf jeden Fall einen Job, bei dem ich gut Geld verdiene, damit ich für mich und meine Familie sorgen kann“. Und damit meint sie nicht einfach irgendeine Arbeit, sondern einen richtigen Ausbildungsberuf – ein Ziel, bei dessen Erreichen die Werkschule Samira ihrer Meinung nach jetzt schon unterstützt.

Nina (16) ist in der 10. Klasse und damit im zweiten Jahr ihrer Werkschullaufbahn (12 km Schulweg). Sie und ihre zwei Brüder sind in Deutschland geboren. Ihre Mutter stammt ebenfalls aus Deutschland, der Vater kommt aus der Türkei. Nina spricht daher auch sehr gut Türkisch. Ihre freie Zeit verbringt sie am liebsten entspannt zuhause oder sie spielt mit ihrem Smartphone.

Von ihrer Zeit an der alten Schule weiß sie wenig Gutes zu berichten: „Ich war in der Schule richtig schlecht, hatte nur Fünfen und Sechsen. Außerdem habe ich oft geschwänzt.“ Von ihrer damaligen Lehrerin fühlte sie sich selbst gestresst, berichtet aber auch, dass dies für die anderen Schüler_innen genauso war. Sie erzählt, dass die Lehrerin auch mit anderen Lehrern gestresst hätte und klingt dabei sehr wütend. Was genau sie damit meint, behält sie jedoch für sich.


„Wenn wir arbeiten, müssen wir früh aufstehen.
Hier müssen wir auch aufstehen und arbeiten.“


Die Idee, auf eine Werkschule zu wechseln, wurde von Seiten ihrer Klassenlehrerin und des Schulsozialpädagogen an sie herangetragen. „Sie haben gesagt, dass eine Werkschule gut für mich wäre und dass ich dort einen Abschluss schaffen kann. Dort hätte ich die Möglichkeiten für einen besseren Lebenslauf.“ Die andere Schule hingegen sei für sie nicht gut gewesen. Das findet Selin auch und resümiert: „Die alte Schule habe ich eh nicht gemocht.“ Deshalb empfand sie den Schulwechsel auch als Erlösung. Mit der Zeit habe sie an ihrer neuen Schule Freunde gefunden. „Der Schulwechsel war nicht schlimm“, meint sie, „ich bin mit jedem gut klargekommen.“ Die Zeit an ihrer alten Schule vermisst sie nicht.

Ninas Lebensziel ist es, mehr Selbstständigkeit zu erreichen. Hierzu gehört es für sie, zunächst einen Ausbildungsplatz und dann eine Arbeit zu finden: „Ich möchte gut arbeiten und selbst leben können, ohne immer andere Leute fragen zu müssen.“ Die Werkschule bereite sie gut auf dieses Ziel vor, denn „wenn wir arbeiten, müssen wir immer früh aufstehen. Hier müssen wir auch aufstehen und arbeiten.“

Dilara (16) geht ebenfalls in die 10. Klasse einer Werkschule (11 km Schulweg). Ihre zwei Geschwister sind, wie sie auch, in Deutschland geboren. Ihre Mutter stammt ebenfalls aus Deutschland. Der Vater kommt aus der Türkei, alle Familienmitglieder sprechen sehr gut Deutsch und Türkisch. Wenn Dilara Langeweile hat, entwirft sie Kleidungsstücke, die sie dann versucht, im Geschäft des Vaters selbst zu nähen.


„Erst wollte ich nicht wechseln. Ich hatte ja noch nie gewechselt und dachte,
dass ich jetzt in eine komplett neue Klasse reinkomme, wo mich alle anschauen.“


Von ihrer Schulzeit vor der Werkschule erzählt sie: „Es war nicht so, dass ich schlecht in der Schule war. Aber ich bin einfach nicht mitgekommen und war immer die letzte, die mit den Sachen noch nicht fertig war.“ Irgendwann habe die Lehrerin sich mit Dilara besprochen und ihr von der Werkschule erzählt. „Sie meinte, dass der Unterricht an meiner alten Schule einfach zu viel für mich ist und dass es vielleicht besser wäre, wenn ich in einer Werkschule bin.“ Uneingeschränkt positiv kann Dilara diesen Vorschlag zuerst jedoch nicht aufnehmen. „Erst wollte ich nicht, weil es mir komisch vorkam. Ich hatte ja noch nie gewechselt und dachte, dass ich jetzt in eine komplett neue Klasse reinkomme, wo die Leute mich anschauen.“ Der Gedanke, als einzige in eine schon bestehende Klasse zu wechseln, machte ihr damals Angst. „Ich wusste ja nicht, dass alle komplett neu in die Klasse kommen.“ Vorsorglich ergreift sie daher die Initiative und fragt eine Freundin, ob sie nicht beide zusammen wechseln wollen. „Sie war genau in derselben Situation wie ich“, erklärt sie ihr Vorgehen. Die beiden haben dann auch zusammen die Schule gewechselt.


„Ich bin natürlich auch persönlich vorbeigekommen und habe die Bewerbung abgegeben. Per Post hatte ich Angst, dass sie verlorengeht.“


Der Schulwechsel hat sich insgesamt für Dilara gelohnt. Nur manchmal, erklärt sie, ist es ein bisschen schwierig im Unterricht, weil die Schüler_innen unterschiedlich schnell arbeiten würden. „Wenn wir zum Beispiel eine Aufgabe bekommen, dann weiß ich die Lösung oft schon vor den anderen aus der Klasse.“ Sie reflektiert weiter, dass alle Schüler_innen an den Schulen, wo sie vorher waren, unterschiedlich viel gelernt hätten und entsprechend mit unterschiedlichen Vorbedingungen in den Werkschulunterricht einsteigen. „Deswegen ist es manchmal recht langweilig. Dann muss man immer auf die anderen warten.“ Da sie mittlerweile beide Seiten kennt, findet sie es aber nicht weiter schlimm, auf die anderen zu warten. Im Gegenteil, sie macht die Erfahrung, dass es ihr möglich ist, andere beim Lernen zu unterstützen.


„Es ist nicht ganz einfach, wenn man kein Selbstbewusstsein hat.“


Obwohl die Sechzehnjährige über den Schulwechsel erleichtert war, denkt sie manchmal mit Wehmut an ihre alte Schule zurück. Dann fragt sie sich, wie es wohl wäre, wäre sie jetzt noch einmal dort. Einerseits fühlt sie sich in der Werkschulklasse manchmal abgelenkt, andererseits stellt sie bei sich selbst eine Veränderung fest: „Früher war ich immer so still, richtig ruhig und ich habe mich gar nichts getraut. Hier bin ich dann lockerer geworden. Ich bin offener und schäme mich nicht mehr so wie früher.“ Diese Veränderung wertet sie als Verbesserung ihrer Lebensqualität. Mittlerweile kann sie auch in Situationen aus sich herauskommen, die außerhalb des geschützten Rahmens der Werkschule liegen, zum Beispiel im Praktikum. Bei der Suche nach einem Praktikumsplatz hat sie in der Vergangenheit viele Ablehnungserfahrungen sammeln müssen. Heute, erzählt sie, denke sie auch zuerst, dass sie es nicht schaffen würde. „Aber dann bin ich einfach in einen Laden reingegangen und habe nach einem Praktikumsplatz gefragt. Ich habe versucht locker zu bleiben und auch einen Praktikumsplatz gefunden. Es ist nicht ganz einfach, wenn man kein Selbstbewusstsein hat.“ Sie erklärt, dass fehlendes Selbstbewusstsein oft als Mangel an Motivation interpretiert würde und begründet für sich so die vielen Absagen in ihrer Vergangenheit. Diese Entwicklung rechnet sie dem Besuch der Werkschule an, fragt sich aber auch, welche Chancen sie heute mit ihren neuen Voraussetzungen an ihrer alten Schule hätte.

Insgesamt sieht sie optimistisch in die Zukunft: „Ich möchte mich selbstständig machen“, erzählt sie. „Ich möchte nach der Schule erstmal eine Ausbildung machen und dann das Abitur, um anschließend Modedesign studieren zu können. „Ich will drei Jahre auf die Werkschule gehen. Nach zwei Jahren hat man nur einen Hauptschulabschluss. Aber nach drei Jahren hat man einen erweiterten Hauptschulabschluss und man hat mehr Möglichkeiten bei der Suche nach Ausbildungsplätzen!“

Metin (18) ist in der 11. Klasse, also der Abschlussklasse an seiner Werkschule (5 km Schulweg). Er hat zwei ältere Geschwister und einen Zwillingsbruder. Alle Kinder sind in Deutschland geboren, die Eltern stammen aus der Türkei. Metin spricht neben Deutsch noch Türkisch, nach eigener Aussage aber eher mit anderen Türken, die nicht so gut Deutsch sprechen wie er. Für ihn sei Deutsch die Sprache, die er für das Berufsleben angemessen finde. Türkisch sprechen verbindet er vielmehr mit seinem Urlaub, den er in der Türkei verbringt. In seiner Freizeit macht er viel Sport. Wandern und Zelten mit Freunden zählen zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.


„An meiner alten Schule konnte ich mich nicht wirklich ausleben
von den handwerklichen Fähigkeiten her.“


Metins Wechsel an seine Werkschule liegt nun schon fast drei Jahre zurück. Er erinnert sich, dass er auf seiner alten Schule keine Möglichkeit hatte, seine handwerklichen Fähigkeiten zur Geltung zu bringen. „Ich konnte mich da nicht wirklich ausleben von den handwerklichen Fähigkeiten her. Viele Lehrer wussten an meiner alten Schule, dass ich gut mit handwerklichen Dingen umgehen kann.“ Letztendlich habe seine Lehrerin ihm vorgeschlagen, sich an einer Werkschule zu bewerben. „`Geh auf die Werkschule, dort gibt es weniger Theorie´, hat sie gesagt, `dort gibt es mehr Praxis! ´. So bin ich hierhergekommen.“ Hinter dieser knappen Aussage verbirgt sich, dass Metin sich im Anschluss selbstständig über die Werkschulen informierte und sich sogar an Details über die Projektphase der Werkschule erinnerte. Das Gelesene überzeugte ihn davon, dass der Besuch einer Werkschule für ihn das Richtige sei: „Da wollte ich doch hierherkommen.“ Die Bewerbung schrieb er selbst. „Ich bin natürlich auch persönlich vorbeigekommen und habe die Bewerbung abgegeben. Per Post hatte ich Angst, dass sie verlorengeht.“

Über den Wechsel berichtet Metin von den Schwierigkeiten zu Beginn seiner Werkschulzeit: „Am Anfang war das natürlich für die meisten nicht leicht, für mich auch nicht. Aber ich habe mich schnell eingewöhnt.“ Die Schwierigkeiten sieht Metin etwa beim Einstieg in eine neue Klasse oder in den neuen Lehrer_innen oder Aufgaben. Die Einbettung der Werkschule in Berufsbildungzentren bringt Probleme mit sich. „Hier gehen ja ungefähr 1600 Schüler in diese Schule. Und als wir hierher kamen, waren wir dann auch die jüngsten. Und auch die kleinsten, sozusagen. Da fühlt man sich dann schon eingeschränkt und musste auch aufpassen, was man sagt.“ Abgesehen davon empfand Metin den Wechsel jedoch als Erleichterung und würde sich wieder für die Werkschule entscheiden. Für den Achtzehnjährigen zählt vor allem, dass er an der Werkschule seine erweiterte Berufsbildungsreife erlangen kann.

Nach seinem Abschluss möchte Metin zunächst eine Ausbildung anfangen. Zum Bund möchte er danach auch. Auf die Frage hin, ob er sich in seinen Jahren an der Werkschule verändert habe, antwortet er: „Es könnte sein, dass ich mich verändert habe, aber ich habe nicht das Gefühl. Pünktlichkeit und ein sauberer Arbeitsplatz waren für mich schon immer selbstverständlich. Für mich normal.“ Sein Lebensziel ist es, durch den Besuch der Werkschule einfacher einen Ausbildungsplatz zu finden. Irgendwann möchte er dann einen festen Arbeitsplatz haben und eine Familie gründen.
 

Fazit

Abschließend kann festgehalten werden, dass die Ursache für einen Schulwechsel in den geschilderten Beispielen sich dahingehend ähneln, als dass die Jugendlichen erlebt haben, den Anforderungen im Regelschulsystem aus verschiedenen Gründen nicht zu genügen. Ob Unlust oder Überforderung, das Ergebnis bleibt gleich: schlechte Noten. Die Folgen: Schüchternheit, Streit mit den Lehrkräften, Fehlzeiten, Stressgefühl. In den beschriebenen Fällen gibt es keine konkreten Auslöser für den Schulwechsel. Möglicherweise sind es aufmerksame Lehrer und Lehrerinnen, die eine Schieflage in der Schullaufbahn der Jugendlichen beobachten, zum Gespräch bringen und präventiv auf die Werkschule verweisen. Möglich auch, dass die Jugendlichen diesen Vorschlag zunächst unterschiedlich annehmen und sich das Engagement hinter den Bewerbungen unterscheidet – wie auch immer die Vorbedingungen waren, alle befragten Jugendlichen empfanden den Wechsel an eine Werkschule rückblickend als erleichternd. Sie erkennen die Chancen, die ihnen dieser Bildungsgang bietet, sowohl für die eigene Persönlichkeit als auch für den beruflichen Werdegang. Getragen werden diese Prozesse von verschiedenen Personen, doch für eine positive Auffassung des Erlebten braucht es vor allem: erstens aufmerksame Lehrer_innen an der abgebenden Schule, die rechtzeitig einschreiten und Alternativen aufzeigen, zweitens hilfsbereite und interessierte Lehrer_innen an der neuen Schule, die unterstützen, Kraft geben und Verständnis zeigen sowie drittens Schüler_innen, die sich ihrer Chancen an der Werkschule bewusst sind und den Willen haben, für sich selbst das Beste zu erreichen.