gefördert durch:






Heft 01  //  Kapitel 04

Werkschule

Ein junger Bildungsgang in Bremen

Auf dem Hintergrund der besonderen Herausforderungen im Kampf gegen Bildungsbenachteiligung in Bremen stellt die Werkschule einen Schritt dar, um durch die besondere pädagogische Konzeption benachteiligte Schüler_innen zu einem erfolgreichen Schulabschluss zu führen und sie für den Übergang in den Beruf zu stärken.
 

Rahmenbedingungen

Die Werkschule ist ein für Schüler_innen freiwilliges Angebot: Schüler_innen können sich bei Interesse im 8. Jahrgang bewerben. Eine Kommission entscheidet über die Aufnahme. Vor Aufnahme in die Werkschule findet ein Beratungsgespräch statt. Die Aufnahme erfolgt zunächst zur Probe und die Schüler_innen bleiben in dieser Zeit noch in der alten Schule eingeschrieben. Die Ausbildung ist auf drei Jahre konzipiert; somit steht den Schüler_innen mehr Zeit als im allgemeinbildenden Angebot zur Verfügung, um zur Erweiterten Berufsbildungsreife zu gelangen. Diese kann am Ende von Klasse 11 erlangt werden. Die Abschlussprüfung findet als Projektprüfung statt und integriert sich in die Ausbildungskonzeption. In der Werkschule sollen die Jugendlichen Grundfertigkeiten erwerben, festigen oder verbessern. Ziel ist außerdem „die Sicherung der Berufswahlkompetenz, der Erwerb sozialer Kompetenzen und psychosozialer Stabilität sowie die Erlangung der Ausbildungsfähigkeit.“ (Senatorin für Bildung und Wissenschaft 2013, 4)

Durch die besondere pädagogische Konzeption sollen Schüler_innen erreicht werden, deren Lernmotivation verlorengegangen ist. Selbstwirksamkeitserfahrungen und Stärkung der Eigenverantwortung sollen helfen, die individuelle Motivation zum Lernen wieder zu erlangen und sind somit eine Grundvoraussetzung für das Erlangen der Ausbildungsfähigkeit.

Die pädagogische Konzeption

  • Anknüpfend an dem Leitgedanken von Individualisierung, will die Werkschule in besonderer Weise der Heterogenität der Schüler_innenschaft Rechnung tragen, um „sie dort ‚abzuholen‘, wo sie in ihrer Entwicklung gerade stehen.“ (Senatorin für Bildung und Wissenschaft, 4) Entsprechend sind die Klassen mit maximal 16 Schüler_innen relativ klein.
  • Sie werden von multiprofessionellen Teams betreut (Klassenlehrer_in, Fachlehrer_in, Lehrmeister_in, Sozialpädagog_in), die in den Projekten und im Schulalltag generell kooperieren sollen; d.h. dass sozialpädagogische Betreuung grundsätzlicher Bestandteil der Werkschule ist.
  • Theoretisches und praktisches Lernen sollen verknüpft werden: „Die Werkschule ist gedacht für Schülerinnen und Schüler, denen das theoretische Lernen nicht so leicht fällt und die mehr Zeit zum Lernen brauchen, die aber gerne praktisch arbeiten und über diese Herangehensweise notwendiges Wissen eher erlangen.“ (Senatorin für Bildung und Wissenschaft, 1) Entsprechend kommen dem praktischen Lernen etwa 50% zu. Die Projektorientierung ist in diesem Zusammenhang ein wichtiges Element in der pädagogischen Konzeption des Schultyps - zumal auch die Abschlussprüfung als Projektprüfung durchgeführt wird.
  • Produktorientierung spielt in den Projekten eine Rolle, womit die Durchführung eines Projekts einen gewissen Ernstcharakter erhält.
  • Die Ausbildung ist berufsorientierend ausgerichtet. Die Anbindung an die berufsbildenden Schulen ermöglicht die Verbindung von theoretischem und praktischem Lernen. Die vielfältigen Angebote von Technik (Metall, Fahrzeug-, Elektro-, Bau-, Holztechnik) über Gestaltung (Mode, Körperpflege, Mediengestaltung) und Ernährung (Lebensmitteltechnik, Gastronomie und Service) bis hin zu Personenbezogenen Dienstleistungen (Hauswirtschaft, Altenpflege, Lebensmittel) sowie Garten und Landschaftsbau und Einzelhandel bieten den Schüler_innen die Chance, an ihren Interessen anzusetzen oder sich zumindest in einem Berufsfeld zu erproben. Durch die Anbindung an die berufsbildenden Schulen ist das Angebot über das Stadtgebiet verteilt und dezentralisiert.
  • Die Erprobung und Erkundung im Berufsfeld geschieht auch durch Betriebspraktika.
  • Durch die Stadtteilorientierung bekommt das praktische Handeln in der Schule einen Sinn und eine Orientierung nach außen. Der im Rahmenplan geforderte Realitätsbezug und Ernstcharakter wird möglich.
     

Lernen in Projekten

Im Rahmenplan wird als zentrale didaktische Kategorie der Werkschule das Projekt genannt und auf das Projektmanagement als Planungs- und Durchführungsinstrument in Wirtschaft und Forschung verwiesen: „Für die Berufsorientierung eignet sich Projektmanagement sehr gut zur Gestaltung des Unterrichts, weil es eine effektive Arbeitssystematik sowie eine in der Berufspraxis etablierte und international abgestimmte Arbeitsweise induziert, die eine bestimmte Arbeitshaltung einschließt. Diese ist geprägt durch die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, zuverlässig im Team zu arbeiten und vorausschauend zu handeln. Diese und weitere Personalkompetenzen sind Kern der Berufsorientierung in der Werkschule.“ (Senatorin für Bildung 2013, 9)

Die besondere Möglichkeit des Projektlernens wird in der Handlungsorientierung gesehen, wobei reale Problemstellungen im Team bearbeitet werden sollen und kontinuierliches Feedback erfolgen soll.

Aus der Teamkonzeption ergibt sich, dass Kommunikationsfähigkeiten und Kooperationsfähigkeiten entwickelt und gefördert werden müssen. Der Rahmenplan schreibt keine inhaltlichen Projekte vor; die Verbindlichkeit bezieht sich auf deren „Strukturelemente und Umsetzungsroutinen (Projektmanagement)“.(Senatorin für Bildung 2013, 9) Die einzelnen Elemente des Projektmanagements werden ausführlich im Rahmenplan vorgegeben. Allgemeinbildende Anteile sollen in die Projekte durch angemessene Aufgaben integriert werden; für die Entwicklung notwendiger Kompetenzen in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch gibt es Raum in vertiefenden Phasen. Pro Halbjahr sollen zwei größere Projekte durchgeführt werden. Die inhaltliche Freiheit der Schulen, die Projekte dem jeweiligen Berufsfeld entsprechend und an den Interessen der jeweiligen Lerngruppe ansetzend zu gestalten, bietet eine große Chance, die Schüler_innen tatsächlich zu erreichen und sie in die Themenfindung einzubeziehen.
 

Herausforderungen an die Teamarbeit

Die angestrebte projektorientierte Lernumgebung ist ohne intensive Kooperation in den Werkschulteams nicht denkbar. Lehrmeister_innen, Fachlehrer_innen müssen den Projektrahmen definieren, damit die allgemeinbildenden Fachlehrer_innen angemessene Aufgabenstellungen entwickeln können. Das gesamte Team inklusive der Sozialpädagog_innen muss die Durchführung begleiten. Dieses setzt eine entsprechende Personalpolitik an den Schulen voraus; ständig wechselnde Teambesetzungen oder nur Teilbesetzungen sind kontraproduktiv. Die als „schwierig“ geltenden Werkschulklassen sind bei vielen Kolleg_innen nicht unbedingt beliebt. Und doch gibt es eine ganze Reihe engagierter Lehrmeister_innen, Fachlehrer_innen und Sozialpädagog_innen, die vom Gedanken der Werkschule überzeugt sind. (vgl. Evaluation Gessler)
 

Geprüft wird, was gelernt wurde

Die Bedeutung des Projektlernens spiegelt sich in den Prüfungsanforderungen. Neben einer Projektprüfung sind auch die Aufgaben in den allgemeinbildenden Fächern projektbezogen und werden auf der Grundlage der jeweiligen Projektkonzeptionen entwickelt. Insgesamt wird die Abschlussprüfung in drei Phasen mit neun Prüfungselementen als Gruppenarbeit mit individuell bewertbaren Prüfungsanteilen durchgeführt.
 

Qualität durch Kooperation

Wie oben bereits ausgeführt, beruht der Gedanke des Projektlernens auf multiprofessioneller Kooperation innerhalb der Werkschule, aber auch mit Trägern außerschulischer Bildung. Die Prüfungen werden ebenfalls in Teams erarbeitet. Die Schulen kooperieren untereinander in einem Netzwerk. Ein Teil der Projekte wurde im Team mit dem Landesinstitut für Schule bearbeitet: Für das jeweilige Projekt wurden kompetenzorientierte und standardbezogene Lernbausteine für die Kernfächer Deutsch, Mathematik und Englisch ausgearbeitet, um die allgemeinbildenden Anforderungen in die Projektdurchführung zu integrieren und damit Anregungen für die Gestaltung von Projekten zu geben.

 

Voneinander lernen

Diese Materialien veranschaulichen die Vielfalt der Ansätze an den Schulen: vom „Flechtwerk“ über die „fachgerechte Renovierung eines Klassenraums“ zur „Herstellung von Apfeltaschen“, von der „Fahrradwerkstatt“ zum „Grillanzünder“. Sie verdeutlichen den Problemlösungsansatz, der der Konzeption der Werkschule zugrunde liegt und weisen die Handlungsorientierung aus. In ihrer jeweiligen Konzeption geben sie für andere Teams Anregungen, Kernkompetenzen im Projektzusammenhang zu entwickeln und zu fördern. Der Förderung des Leseverständnisses kommt im Rahmenplan eine besondere Bedeutung zu (Senatorin für Bildung und Wissenschaft 2013, 26), was z.B.

  • in dem Material „Kopfobjekte“ systematisch für den Lernbaustein Deutsch realisiert wurde. Die handlungsorientierte Projektaufgabe für die Schüler_innen „Fertigt textilen Kopfschmuck mit dazu abgestimmten Frisuren und passendem Make-up und dokumentiert eure Ergebnisse in Form von Portraitfotos.“ ermöglicht die Integration von berufsorientierenden Texten (Berufsfeld Modistin), anhand derer Lesestrategien entwickelt und geübt werden können. Die dafür entwickelten Materialien und Aufgabenstellungen können auch von anderen Werkschulteams genutzt werden.


Die Stadtteilorientierung hat sich in vielen Werkschulen durchgesetzt; so öffnete sich z.B. die Werkschule Blumenthal für das Nachbarschaftsfest und hatte 80 Gäste für ein kalt-warmes Buffet an der Schule. Die Schule lädt regelmäßig zum Adventskaffeetrinken und Grünkohlessen ein.

Diverse lokale Berichterstattungen zeigen, dass es den Werkschulen gelingt, sich in die Stadtteile zu integrieren. Werkschüler der Werkschule Oslebshausen haben „zwei Monate Ritter gesägt, geflext, geschweißt und gefeilt“ und auf der Burg Blomendal ausgestellt. (Keller, 2012) Die Werkschule Hemelingen kooperiert mit der Seniorenwerkstatt der Egestorffstiftung und feierte 2011 ein gemeinsames Erntedank-Fest. (WK 10.10.2011) Das Schulzentrum Neustadt unterzeichnete 2011 einen Kooperationsvertrag mit dem Stadtteilhaus Huchting, in dem die Werkschüler_innen Praktika machen können.
Als EU-gefördertes Pilotprojekt ging die Werkschule im Schuljahr 2009/2010 mit sechs Standorten an den Start; im Schuljahr 2011/2012 wurde der 10. Standort eröffnet. Seit dem Schuljahr 2012/2013 ist die Werkschule als Regelschule eingeführt.