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Heft 01  //  Kapitel 01

Einleitung

Für junge Menschen ist der Übergang von der Schule in das berufliche Bildungssystem eine entscheidende Phase ihrer Biografie (vgl. Aybek 2009, 21), da hierdurch „das künftige Erwerbsleben vorbestimmt wird“ (ebd.). Für einige von ihnen gestaltet sich der Übergang kompliziert. Dies sind vor allem solche Jugendliche, denen der Bildungsabschluss der Hauptschule nur schlecht oder gar nicht gelingt.

Bundesweit haben laut des Bildungsberichts 2012 im Sommer 2010 rund 53.000 Schüler_innen die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen (vgl. Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2012, 95f.). Zwar hat sich der Prozentsatz seit 2006 verringert, jedoch machen diese Jugendliche noch immer 6,5% der gleichaltrigen Bevölkerung aus (vgl. ebd.). In den international vergleichenden Schulleistungsstudien werden die „Schüler_innen, deren Wissen und Können nicht für ein anschlussfähiges Lernen ausreicht, […] als Risikoschüler bezeichnet“ (Kiper 2006, 73).

Angesichts dieser Entwicklungen wurde in Bremen auf Empfehlung des Bremer Schulentwicklungsplans 2008 mit Schuljahresbeginn 2009/2010 die Einrichtung des Bildungsganges „Werkschule“ beschlossen. Der dreijährige Bildungsgang richtet sich an schulpflichtige Jugendliche, bei denen die Gefahr besteht, dass sie die Schule ohne Abschluss verlassen könnten. Des Weiteren ist die Werkschule eher für die Schüler_innen gedacht, „denen das theoretische Lernen nicht so leicht fällt und die mehr Zeit zum Lernen brauchen, die aber gerne praktisch arbeiten und über diese Herangehensweise notwendiges Wissen eher erlangen“ (Senatorin für Bildung und Wissenschaft 2013a, 4). Der Bildungsgang ist integriert in das Regelsystem und Teil des Einstiegs in die berufliche Bildung – u. a. sind die Werkschulen jeweils an berufsbildende Schulen angegliedert. Innerhalb der Werkschule wird das Ziel der Berufsorientierung „von den Schüler_innen vor allem in der exemplarischen Bearbeitung komplexer Aufgaben und Problemstellungen sowie im Team bearbeiteter Projekte erreicht“ (Senatorin für Bildung und Wissenschaft 2013b, 7).

Das Ziel der Berufsorientierung ist als solches in der Werkschulverordnung genannt – so wie von der Kultusministerkonferenz ebenfalls Berufsorientierung als schulische Aufgabe angesehen wird – dennoch ist zu bedenken, dass diese Aufgabe, sobald die Schüler_innen die Schule verlassen, seitens der Schule nicht mehr zu gewährleisten ist.

Im Prinzip geht es bei vielen Jugendlichen zunächst darum, „ihre verloren gegangene Lernmotivation zu wecken und Lernen wieder als einen individuell bedeutsamen und wertvollen Reifungsprozess erlebbar zu machen“ (Senatorin für Bildung und Wissenschaft 2013b, 4), bevor das Ziel der Berufsorientierung als solches auch bearbeitet werden kann. Die Jugendlichen müssen lernen, eigenverantwortlich arbeiten zu können, denn nur so haben sie genug Motivation, um eine Ausbildung zu beginnen und auch erfolgreich abzuschließen. Als zweites Ziel der Werkschule wird daher die Erlangung der Ausbildungsfähigkeit genannt (vgl. Senatorin für Bildung und Wissenschaft 2013b, 4).

In diesem Kontext ist das bei dem gewerkschaftlichen Bildungsträger „Arbeit und Leben Bremen“ angesiedeltes Projekt COMMPASS zu verorten, welches die Schüler_innen der Werkschulen in Einzelberatungen und Tagesseminaren bis hin zu Mehrtagesseminaren begleitet und unterstützt. Die Art der Veranstaltung wird hierbei je nach individuellem Bedarf angepasst. Die Schüler_innen sollen auf diese Weise in ihrer Orientierung gestärkt werden – ob bei der Erlangung ihres Schulabschlusses oder der Auseinandersetzung mit weiterreichenden Plänen, Lebenszielen und Wünschen. Hierbei genießt für COMMPASS die Vermittlung von Respekt einen hohen Stellenwert. Inhaltlich haben bei diesen Veranstaltungen vor allem die Stärkung der Sozial-, Kommunikations- und Lernkompetenz sowie Themen der Berufsorientierung und Lebensplanung einen hohen Stellenwert. COMMPASS bedeutet ‚Commitment in Statuspassagen Jugendlicher auf den Weg in den Arbeitsmarkt‘, wobei Commitment hier für Engagement, Einsatz und Bindung steht, und sinngemäß so etwas bedeutet wie ‚sich verpflichten für eine Sache‘. Der Begriff wurde an dieser Stelle bewusst gewählt, um das Ziel des Projektes zu verdeutlichen. Das Projekt legt einen besonders großen Wert auf die nachhaltige Verankerung und Fortführung des Unterstützungsprozesses bei der beruflichen Orientierung von Jugendlichen auch nach Beendigung der Schulpflicht und somit auch nach Beendigung der Werkschule.

Diese Handreichung richtet sich an Pädagog_innen, Lehrer_innen, Kooperationspartner_innen und Weiterbildungsträger. Wir wollen hiermit zum einen unser Projekt COMMPASS vorstellen und zum anderen aufzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, mit sog. benachteiligten Jugendlichen im Kontext von Bildungsarbeit zusammen zu arbeiten.

Zunächst wird daher auf die Lage von Jugendlichen im Übergangssystem eingegangen. Anschließend wird noch einmal das Projekt COMMPASS erläutert, woraufhin der Bildungsgang Werkschule in Bremen näher definiert wird. Um aus der Perspektive von Jugendlichen berichten zu können, wurden einige Interviews mit Werkschüler_innen geführt. Einen Überblick über die Aussagen zu Perspektiven von Werkschüler_innen über ihren Bildungsgang findet man im darauffolgenden Kapitel. Das Hauptkapitel dieser Handreichung besteht aus einem Curriculum für die außerschulische Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Dieses bezieht sich auf die Seminararbeit im Rahmen von COMMPASS, wobei auf die drei Schwerpunkte der Sozialen Kompetenzen, Berufsorientierung & Bewerbungstraining sowie Lebensgestaltung und Diskriminierung/Empowerment eingegangen wird. Jedes Seminarmodul wird mit einzelnen Seminarblöcken durch die Ziele, Inhalte und Methoden erklärt. Das letzte Kapitel schließt mit der Reflexion unserer Erfahrungen sowie einem Ausblick ab.
 

Anmerkung zum Begriff „Mensch mit Migrationshintergrund“

Im Rahmen von Projektarbeit aber auch in der allgemeinen Bildungsarbeit wird man kontinuierlich mit den Diskussionen um das Thema Migration oder auch um den Begriff des Migrationshintergrundes konfrontiert. Da es unserer Meinung nach ein Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Realität und eigenem Anspruch gibt, würden wir hier gerne folgende Anmerkung machen:
Mit der Bezeichnung Migrationshintergrund nehmen wir wahr, dass sich viele Menschen auf der Seite des „politisch Korrekten“ fühlen; Im Grunde genommen nehmen sie aber dadurch eine Trennung in „Wir“ und „die Anderen“ vor, welches automatisch Menschen aufgrund von nicht veränderbaren Merkmalen ausgrenzt und somit diskriminierend ist.

Darüber hinaus wird der Migrationshintergrund häufig als ein Grund dafür aufgeführt, etwas nicht zu können. Diese Defizithaltung wird noch immer nicht von einer ressourcenorientierten Haltung abgelöst. Wenn nun Menschen mit Migrationshintergrund im Beruf oder in Bezug auf Machtpositionen systematisch schlechter gestellt sind, hat das nichts mit ihnen als Person zu tun, sondern mit der Bevölkerung, die sie so nennt.

Ebenfalls impliziert dieser Begriff, dass es sich bei Menschen mit Migrationshintergrund um eine homogene Gruppe mit prinzipiell ähnlichen Werten und Lebensstilen handelt. Diese Differenz zwischen „Wir“ und „den Anderen“ existiert, weil immer wieder darauf Bezug genommen wird. Dies geschieht in öffentlichen Diskussionen, in politischen Debatten als auch in wissenschaftlichen Untersuchungen. Hier liegt das Spannungsverhältnis zwischen gesellschaftlicher Realität und eigenem Anspruch. Es gibt kaum ein Förderprogramm oder kaum eine wissenschaftliche Untersuchung, in der nicht die Anzahl der Menschen mit Migrationshintergrund erhoben wird. Man hat selbst in diesem Sinne keine Chance, darauf zu verzichten, obwohl dies der eigene Anspruch wäre.

Es stellt sich die Frage, warum es überhaupt ein Wort bedarf, mit dem ein Mensch beschrieben wird, dessen Eltern (oder sogar Großeltern) in einem anderen Land geboren sind. Es bedarf keine Neuerfindung eines „anderen“ Wortes, sondern vielmehr sollte die allgemeine Anerkennung einer diversitären Gesellschaft Bedeutung gewinnen, losgelöst von den Gedanken, auf welchem Fleck der Erde ein Familienangehöriger einmal geboren wurde.
Trotz der sehr utopischen Vorstellung möchten wir darauf hinweisen, dass auch wir in unserer Handreichung an einigen Stellen den Begriff des Migrationshintergrundes verwendet haben. Zum einen, weil dies häufig im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Studien stattfindet, zum anderen, weil mehrere Autor_innen in dieser Handreichung Artikel verfasst haben und die Diskussion nicht abschließend geführt werden konnte.